Über handkolorierte Schwarz-Weiß-Fotografie

Heinz Wohner bei seiner Arbeit: Handkolorierte Schwarz-Weiß-FotografieSeit über dreißig Jahren beschäftige ich mich mit handkolorierter Schwarz-Weiß-Fotografie, einer alten Technik aus der Frühzeit des Lichtbilds. Bei der Handkolorierung werden die ganz klassisch auf Film aufgenommenen Fotografien in altertümlicher Dunkelkammerarbeit vergrößert und dann mit nicht deckenden Eiweißlasurfarben und feinem Pinsel in allen Details mit Farben versehen. Durch die ganz persönliche Farbigkeit, durch meine freie Interpretation wird jedes Bild zum Unikat.

Auch handwerklich ist jede Arbeit einzigartig. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie per Hand zu kolorieren ist wie einen Teppich zu weben, Faden für Faden, bis am Ende ein Muster entsteht. Es hat etwas Magisches, nur mit einem feinen Retuschepinsel als Werkzeug, ein monochromes Bild in ein farbiges zu transformieren, also wirklich mit Farbe und Pinsel zu arbeiten und sich dabei ruhig auch ein bisschen die Hände schmutzig zu machen.

Handkolorierte Schwarz-Weiß-Fotos: Der „Zweite Blick“

Diese sehr zeitaufwändige und diffizile Technik führt zu Bildern, die über das rein Dokumentarische hinausgehen. Bei dem Projekt „Literarische Landschaften“ zeigt sich dies besonders deutlich: So wie die Literatur die Realität nicht bloß abbildet, sondern transformiert, sind auch die handkolorierten Schwarz-Weiß-Fotografien keine Abbilder, sondern atmosphärische Verdichtungen. Die literarische Stimmung der Romane übersetzen sie ins Visuelle. Das Ziel ist dabei nicht vordergründige Verfremdung, sondern die Einladung an den Betrachter zu einem „zweiten Blick“, zu einer intensiveren Beschäftigung mit den Arbeiten.

Ebenso wie die ehrwürdigen „Hüter der Zeit“ zeichnen sich auch die literarischen Landschaften durch einen zurückhaltenden und stillen Stil aus, der sich erst bei genauerer Betrachtung ganz erschließt. Frühe Arbeiten waren hingegen von einer lebhaften und starken Farbigkeit geprägt – etwa die „Innenräume“, die 1984 beim erstmals vergebenen Kodak-Förderpreis neben Andreas Gursky einen ersten Preis erhielten, oder der Berlin-Bildband von 1987 zur 750-Jahre-Feier der Stadt.

Publiziert wurden meine handkolorierten Fotografien als freie oder Auftragsproduktionen in Magazinen wie ADAC-Reisemagazin, GEO spezial, Mercedes Magazin, Merian und Mare sowie im DuMont Kalenderverlag. Zu sehen sind sie darüber hinaus bei Instagram. Der Bildband „Hüter der Zeit“ über die ältesten Bäume in Deutschland erschien 2018 im Frederking & Thaler Verlag. Eine der darin vorgestellten Arbeiten wurde von der Deutschen Post für das Winter-Motiv der Briefmarken-Serie „Vier Jahreszeiten“ ausgewählt.